Der Fall "Andrea Doria"
Berühmtes Schiffsunglück mit
vielen Ungereimtheiten,
ZDF- Sendung vom 18.02.2007
Vor ca 20 Jahren hatte ich die Gelegenheit an einem DSV-Seminar
für "Ausbilder in den Vereinen" teilzunehmen.
Referenten dieser Veranstaltung waren Dozenten der Seefahrtsschule
Hamburg.
Als Beispiel für falsches Verhalten bei gefährlicher
Annäherung, insbesondere bei schlechter Sicht in Radarfahrt,
stellten die Dozenten die Umstände des Untergangs der
Andrea Doria zu Diskussion.
Die hier herangezogenen Regeln der KVR (Conventions on the International Regulations for Preventing Collisions at Sea von 1972) gab es zur Zeit des Unterganges der "Andrea Doria" (1956) noch nicht. Insbesondere der Einsatz des RADAR war noch nicht im internationalen Seeverkehrsrecht eingebunden.
Die ZDF Sendung vom 18.02.07 versprach dazu neue Erkenntnisse:
Entgegen der von den Dozenten der Seefahrtschule vertretenen
Meinung, bezeichnete
Professor Robert Meurn, Experte
für Havarie-Fragen, in der Sendung die angeordneten
Ausweichmanöver der Schiffsführung der Stockholm als
falsch.
Die "neuen Erkenntnisse" bezogen sich hiernach nur auf die Annahme,
der dritte Offizier der
Stockholm hätte die
Bereichseinstellung seines RADAR-Schirmes falsch interpretiert.
Im Internet habe ich die Beschreibung der Manöver gefunden
und hier zusammengetragen:
- 22:30 Uhr wegen einer Versetzung durch starken Strom, ca 2,8 sm
nach N, ordnete der 3. Offizier der Stockholm eine
Kursänderung von 2° nach S an (gute Sicht).
- 22:40 Der Navigator der Andrea Doria entdeckte auf
seinem weiterreichendem RADAR ein Signal, 17 sm voraus in Peilung
von 4° auf StB Bug (eigener Kurs 268 °, dichter
Nebel).
- 22:50 nach einer weiteren Standortbestimmung ließ der
Dritte der Stockholm Carstens 91° am Kompass steuern
(Stromversetzung).
- Franchini auf der AD glaubt aufgrund des Radarbildes an
ein sicheres passieren StB an StB.
- 23:06 Uhr, Carstens auf der Stockholm entdeckt das
Radar-Echo der AD direkt voraus auf Steuerbord. Nach seiner dritten
Radarpeilung denkt er, dass die AD direkt voraus (Bd) 12 Meilen
entfernt ist. Er glaubt, dass er ein auf 15 sm eingestellte
Radarbild beobachtet, aber Andrea Doria ist in der Wirklichkeit nur
4 sm entfernt auf der 5 sm Skala.
- Als auf der AD Franchini die Stockholm 3,5 sm, 15°
auf StB auf dem RADAR peilte, veranlasste der Kapitän Calamai
eine Kursänderung um 4° nach Backbord.
KVR Regel 8:
Jede Änderung des Kurses und / oder der Geschwindigkeit zur
Vermeidung eines Zusammenstoßes muss, wenn es die
Umstände zulassen, so groß sein, dass ein anderes
Fahrzeug optisch oder durch Radar sie schnell erkennen kann;
aufeinanderfolgende kleine Änderungen des Kurses und / oder
der Geschwindigkeit sollen vermieden werden.
- 23:08 Uhr, Carstens auf der Stockholm veranlasst eine
Kursänderung auf 118°(nach Stb)
23:09 Uhr, nach Beobachtung des RADAR ermittelt Carstens die AD 5
sm entfernt direkt voraus an Bb fehlerhaft auf der 15 Meilen Skala.
Deshalb Kursänderung auf 133°. In Wirklichkeit ist die AD
nur 2sm entfernt. (Kein Sichtkontakt, AD im Nebel)
- Giannini auf der AD studierte das Radar und erkannte das
andere Schiff in einem Abstand von 1,5 sm in Peilung von 30-35°
an Stb. Als die Schiffe ca 1 sm voneinander entfernt waren sah
Giannini durch sein Glas an Stb. die Positionslichter der
Stockholm.
Mit Schrecken erkannte er durch durch das Auswandern der Toplichter
die Drehung der Stockholm nach Stb direkt auf die AD zu.
Der Kapitän Calamei brüllte zum Rudergänger Giulio
Visciano hart Backbord und hoffte durch die größere
Wendigkeit der Bedrohung auszuweichen..
- Auf der Stockholm erstarrten Carstens und Bjorkmann als
sie die Andrea Doria vor ihrem Bug auftauchen sehen.
Carstens konnte die Richtungsänderung der AD nach Bb erkennen.
Er versucht durch hart Steuerbord und volle Kraft achteraus
vergeblich die Kollision zu verhindern.
KVR Regel 17 c: Maßnahmen des Kurshalters
Ein Maschinenfahrzeug, das bei kreuzenden Kursen nach Buchstabe a
Ziffer II manövriert, um einen Zusammenstoß mit einem
anderen Maschinenfahrzeug zu vermeiden, darf seinen Kurs, sofern
die Umstände es zulassen, gegenüber einem Fahrzeug an
seiner Backbordseite nicht nach Backbord ändern.
Zur Beurteilung der Manöver der beiden Schiffe, sollte man
sich noch die nachfolgende Regel 14 der KVR ins Gedächtnis
rufen:
Regel 14: Entgegengesetzte Kurse
a) Wenn zwei Maschinenfahrzeuge auf entgegengesetzten oder fast
entgegengesetzten Kursen sich einander so nähern, dass die
Möglichkeit der Gefahr eines Zusammenstoßes besteht,
muss jedes seinen Kurs nach Steuerbord so ändern, dass sie
einander an Backbordseite passieren.
b) Eine solche Lage muss angenommen werden, wenn ein Fahrzeug das
andere recht voraus oder fast recht voraus sieht, bei Nacht die
Topplichter des anderen in Linie oder fast in Linie und/oder beide
Seitenlichter sieht und am Tage das andere Fahrzeug dementsprechend
ausmacht.
c) Kann ein Fahrzeug nicht sicher erkennen, ob eine solche Lage
besteht, so muss es von dieser ausgehen und entsprechend handeln.
M. E. ist hier ganz eindeutig geregelt, das bei entgegengesetzten
(oder fast) Kursen beide Fahrzeuge ihren Kurs nach Stb ändern
müssen. Nach Regel 8 müssen Kursänderungen so
groß sein, das diese auf RADAR sofort erkennbar sind.
Wegen des N-Stromes musste die Stockholm ihren Kurs nach S
ändern.
Dadurch erscheint es logisch, dass die Stockholm mit Kurs 91°,
die entgegenkommende Andrea Doria mit Kurs 268° auf ihrer
Bd-Seite peilte, während die AD die Stockholm auf der
Stb-Seite peilte.
Fehleinschätzungen des RADAR-Bildes gab es auf beiden Seiten.
Die Kursänderungen der Stockholm von erst 27° und nochmals um 15° nach Stb.
wurde von der AD nicht erkannt.
Zwischen 22:50 und 23:00 peilte Franchini (Radar-Peilung) die Stockholm in acht
Meilen an Stb.
Der Messwert schien seine Beobachtung, die das andere Schiff sicher auf seiner
Steuerbordseite lassen würde, zu bestätigen.
Calamai fragte nach dem Passierabstand: Franchini antwortete,
"ungefähr eine Meile an Steuerbord."
Bei einer Annäherungsgeschwindigkeit von ca 40 Knoten (über 0,6 sm/min) ein Passierabstand von ca 1 sm auf Stb (KVR Regel 14, pass. an Bd.) im Nebel.
Eine Nebelbank ist oft nur unter 100 Meter dick und kann in der Nacht aus der Ferne oft nicht als solche erkannt werden. Dies erklärt die Behauptung des 3. Off. der Stockholm, er hätte keinen Nebel bemerkt.
Das Verfahren zur Klärung der Schuldfrage vor dem Obersten
Gerichtshof in New York wurde ohne Schuldspruch eingestellt. Beide
Schiffe waren bei Lloyd's versichert.
Die nachfolgenden Webseiten sind dazu sehr aufschlussreich:
ZDF-Sendung vom
18.02.07
Spiegel.de/Panorama/
sunken
Steamers
MDR-Info
Die KVR:
schlei-online - Seemannschaft KVR
Fotos und Grafik: Wikipedia
Manfred Iffland , März 2007